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Ständiger Begleiter ist die Angst


Vergewaltigung von Jungen: Das Ausmaß wird erst allmählich bekannt

Sexueller Missbrauch von Kindern wird zumeist gleichgesetzt mit dem Missbrauch von Mädchen. Doch auch Jungen werden zu Opfern sexueller Übergriffe - von Vätern, Verwandten, selten von Fremden. Der Missbrauch hinterlässt Spuren zumeist für ein ganzes Sexualleben. Ein Bericht von Jens Dobler.



Zehn Jahre lang wurde Julian T. von seinem Vater anal vergewaltigt. Beim ersten Mal war er fünf Jahre alt. „Ich hatte als einziges Kind ein Zimmer im Keller, wo ich wohnen musste. An das erste Erlebnis kann ich mich noch bis in alle Einzelheiten erinnern. Mein Vater kam besoffen die Kellertreppe runter, zerschlug an der Steinwand eine Bierflasche, hielt mir den Flaschenstumpf an den Hals und vergewaltigte mich." Das Ritual war jahrelang das gleiche. „Ich wusste abends nie, ob ich morgens lebend aufwache und zwar jeden Abend."

1994 wurden bundesweit mehr als viertausend Jungen unter 14 Jahren als Opfer von sexuellem Missbrauch bei der Polizei bekannt. In Berlin wurden 270 Fälle registriert. Kriminaloberrat Jörg-Michael Klos vom zuständigen Dezernat bei der Kripo schätzt, dass die Dunkelziffer hoch ist: Höchstens einer von zehn bis zwanzig Fällen werde bekannt. Demnach könnten jährlich zwischen 40.000 und 80.000 Jungen Opfer sexueller Gewalt werden. Die genauen Zahlen kennt niemand.

Während sexueller Missbrauch von Mädchen Anfang der 80er Jahre durch die Frauenbewegung öffentlich gemacht wurde, ist sexueller Missbrauch an Jungen erst zehn Jahre später in Deutschland thematisiert worden. Noch immer herrscht große Unklarheit über das Ausmaß und die Folgen für die Jungen und Männer, noch immer ist die Aufklärung unzureichend, Mythen vom „starken Jungen", der sich in allen Situationen zu helfen weiß, verschleiern die Realität. Weil nicht ist, was nicht sein kann, werden die Hinweise der Jungen nicht ernst genommen.

Für Männer, die im Kindesalter missbraucht wurden, sieht es noch schlechter aus. Julian versuchte es mit drei Therapien, doch der Missbrauch wurde dabei nicht erkannt. Seine Erfahrungen sind typisch, qualifizierte Therapeuten bleiben die Ausnahme.

In der DDR war sexueller Mißbrauch überhaupt kein Thema, weiß Jürgen Lemke von der Beratungsstelle Kind im Zentrum (Ost). Psychologen und Kinderärzte hätten die Problematik gar nicht „im Kopf gehabt". Aber auch im Westen herrscht Mangel an Experten. Dietke Jirku von Wildwasser: „Es ist sehr schwer, Therapeuten zu finden, die sexuellen Missbrauch bearbeiten."


Was ist sexueller Missbrauch?

Kinder lernen im Lauf ihrer Entwicklung die Welt kennen. Sie beobachten, fragen, probieren, “begreifen” mit unerschöpflicher Fantasie. Um leben und wachsen zu können, brauchen sie die Unterstützung der Erwachsenen, sie brauchen Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Hilfe, Schutz und Sicherheit. Darauf sind Mädchen und Jungen angewiesen und darauf vertrauen sie.

Ein Erwachsener, der ein Kind sexuell mißbraucht, setzt seine Macht dem Kind gegenüber durch. Hierzu benutzt er die Abhängigkeit und das Urvertrauen der Kinder und schädigt die kleine Seele des Kindes, sowie das Vertrauen. Ein sexuell mißbrauchtes Kind wird niemals mehr richtiges Vertrauen zu Erwachsenen haben.

Leider ist es schwierig, mißbrauchte Kinder zu erkennen, obwohl sie sich dagegen zu wehren versuchen. Diese Kinder senden den Eltern, Erziehern, oder auch Personen, denen sie vertrauen oft auch klare Signale, welche nicht selten mißverstanden werden. Nicht selten werden den Kindern Strafen angedroht, wenn sie etwas veraten würden. Hinzu kommt, daß sich das Kind in einer "besonderen Beziehung" zum Täter befindet und sich auch schämt bzw. schuldig fühlt. Mißbrauchte Mädchen und Jungen verändern sich meist im Verhalten. Hierbei kann es zu "Extremen" kommen. Z.B.: Sie suchen verstärkt die Nähe einer vertrauten Person sie suchen lieber die Einsamkeit, da sie kein Vertrauen zu Erwachsenen mehr haben. Manche Kinder werden sehr ruhig, obwohl sie sehr lebhaft sind <oder> sie werden aggressiv, obwohl sie sonst eher ruhig sind.

Die Symptome werden meist nicht oder nicht richtig gedeutet. Betroffene Kinder sehnen sich nach dem "erlösenden Gespräch" mit der vertrauten Person, warten aber darauf, von ihr darauf angesprochen zu werden. Wichtig ist hierbei, daß dem Kind geglaubt wird, denn wenn es merkt, daß dem nicht so ist, wird es sich einmauern und den Mut, darüber zu sprechen verlieren.

Für viele Mädchen und Jungen gehört der sexuelle Missbrauch zum Lebensalltag. Sexueller Missbrauch kommt so häufig vor, dass man davon ausgehen kann, in jeder Kindergartengruppe, in jeder Schulklasse, in jeder Nachbarschaft oder Verwandtschaft Kinder zu finden, die missbraucht werden. Opfer sexueller Gewalt sind überwiegend Mädchen, aber auch Jungen werden sexuell missbraucht. Nicht selten sind schon sehr kleine Mädchen und Jungen betroffen, denn auch Säuglinge und Kleinkinder werden sexuell ausgebeutet.

Mädchen und Jungen werden gezwungen, lüsterne Blicke und Redensarten zu ertragen, Zungenküsse zu geben, sich nackt zu zeigen, sich berühren zu lassen, den Missbraucher nackt zu sehen und ihn anzufassen, Pornographie anzusehen, bei Pornoaufnahmen mitzumachen, den Erwachsenen mit der Hand oder dem Mund zu befriedigen. Mädchen und Jungen werden vergewaltigt, anal, oral oder vaginal mit Fingern, Gegenständen oder dem Penis.

Dies sind nur einige Beispiele. Darüber hinaus werden Mädchen und Jungen zu allen vorstellbaren--und manchmal auch unvorstellbaren sexuellen Praktiken gezwungen.

Der überwiegende Teil der Täter sind Männer. Manchmal wird Mädchen und Jungen auch durch Frauen sexuelle Gewalt zugefügt. Die Täter sind meist Personen, die das Kind kennt, denen es vertraut, wie etwa ein Freund der Familie, der Kollege des Vaters, der Nachbar, der Vater der besten Freundin, der Erzieher, der Lehrer, der Pastor, der Kinderarzt, der Jugendgruppenleiter, der Sporttrainer, der Babysitter usw. Ein weiterer Teil der Täter kommt aus der Familie: Der Vater, Stiefvater oder Partner der Mutter, der Opa, der Onkel, der ältere Bruder.

Sexueller Missbrauch durch Fremde ist im Verhältnis eher selten. Wir haben oft den Eindruck, dass die meisten Fälle von sexueller Gewalt solche durch Fremde sind, weil darüber in aller Ausführlichkeit in den Medien berichtet wird. In der Realität aber ist ist es aber so, dass die Mädchen und Jungen im Verwandten- und Freundeskreis sexuell ausgebeutet werden. Leider werden hier oft die Augen geschlossen, sei es aus Angst oder Scham.

Man sieht es keinem Menschen an, ob er Kinder missbraucht. Oft ist der Täter ein Mann mit tadellosem Ruf und gilt als guter Ehemann und Vater. Vielleicht ist er religiös oder politisch aktiv, beruflich erfolgreich oder er engagiert sich besonders für Kinder, ein Mann, dem niemand zutrauen würde, dass er sich an Mädchen und/oder Jungen vergreift.

Viele Leute vermuten, der sexuelle Missbrauch sei für den Täter ein “einmaliger Ausrutscher”. Aber der Täter handelt in den seltensten Fällen spontan. Vielmehr plant und organisiert er ganz bewusst Gelegenheiten, um sich Mädchen und Jungen zu nähern. Manche Missbraucher suchen sich eigens einen erzieherischen Beruf oder eine entsprechende Freizeitbeschäftigung, um an ihre Opfer zu kommen. Dabei missbrauchen sie meist nicht nur ein Kind, sondern mehrere, entweder gleichzeitig oder in Folge.

Der sexuelle Missbrauch kann über lange Zeit andauern, besonders wenn er in der Familie stattfindet. Manche Mädchen und Jungen werden über viele Jahre hinweg missbraucht, wobei sich meist der Grad der Gewalttätigkeit und die Intensität der sexuellen Übergriffe steigert.

Fast alle Täter missbrauchen immer wieder Mädchen und Jungen, so als wären sie süchtig danach. Gleich welche Ausreden sie auch immer finden, sie sind voll verantwortlich für ihr Tun.

Kinder tragen niemals die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff.

Oft wird behauptet, Mädchen “verführten” oder “provozierten” den Täter. Das ist falsch. Manchmal machen kleine Mädchen Rollenspiele: Sie spielen “grosse Frau”, verkleiden sich und sagen vielleicht: “Ich will einen Kuss, so einen richtigen, wie im Film!” Dies ist keine Aufforderung zur Sexualität. Der Erwachsene muss die Grenzen ziehen, er kann abschätzen, was ein Kind nicht absehen und verantworten kann

Mädchen und Jungen fantasieren oder erlügen auch keine sexuellen Übergriffe. “Kinder haben so viel Fantasie”, heisst es und das stimmt. Sie haben Fantasie über Zauberer, Hexen und Gespenster, aber einen sexuellen Missbrauch erfinden sie nicht. Eher leugnen Kinder einen Missbrauch, um eine geliebte Person zu schützen als dass sie ihn erfinden.

Wenn Mädchen oder Jungen von sexuellen Übergriffen berichten, so ist sicher, dass sie einen sexuellen Missbrauch erlebt haben.

(Quelle: www.euregio.net/deutsch/kinderschutz)